„Rückkehr ist unmöglich“

Über 237000 Serben und Roma wurden nach dem NATO-Einmarsch aus Kosovo vertrieben

Von Boris Kanzleiter, Belgrad (Aus: Neues Deutschland, 24. März 2009)

Es war eine der größten Massenvertreibungen während der Kriege im ehemaligen Jugoslawien. Mit dem Ende des Kosovo-Kriegs im Juni 1999 begann für über 237 000 Serben und Roma die Flucht. Während sich die jugoslawische Armee aus der Provinz zurückziehen musste, setzten albanische Nationalisten Häuser von Serben und Roma in Brand. Die Flüchtlinge leben heute in Serbien oder Staaten der Europäischen Union.

Der Regen in den vergangenen Tagen hat den Weg in eine Schlammpiste verwandelt. »Wir haben leider keine Kanalisation hier«, entschuldigt sich Mirko Sandic und stapft durch tiefe Pfützen. Der stämmige Mann zieht den Reißverschluss seiner Trainingsjacke hoch. Nachmittags wird es empfindlich kalt am Donauufer am Stadtrand von Belgrad. »Schon zehn Jahre leben wir in diesem Loch«, sagt Sandic und deutet auf eine Holzhütte. 500 Roma leben in der Barackensiedlung in einer Industriebrache mit dem Namen »Deponija«. Sandic war mit seiner Familie im Juni 1999 aus Kosovo in die serbische Hauptstadt geflohen.

Mirko Sandic ist einer der Flüchtlinge des Kosovo-Krieges, die von der Welt vergessen wurden. »Wir sind damals aus unserem Dorf im Osten Kosovos geflohen, weil wir Angst hatten«, erinnert er sich. Nationalistische Albaner hätten im Nachbardorf die Häuser von Nicht-Albanern angezündet. Daraufhin sei die Familie nach Belgrad geflohen. »Ich sammle und verkaufe Altpapier«, erklärt Sandic, wie sich die Familie seither über Wasser hält. »Die Rückkehr ist unmöglich«, meint er, »Wir haben immer noch Angst.«

Die Sandics sind kein Einzelfall. Das Flüchtlingshilfswerk UNHCR schätzt, dass nach der NATO-Intervention im Frühjahr 1999 weit über 237 000 Serben, Roma und andere Nicht-Albaner aus Kosovo geflohen sind. Die meisten haben sich in Serbien in Sicherheit gebracht. Vor allem Roma haben auch versucht, in ein Land der Europäischen Union zu gelangen. Der Weg dorthin war freilich gefährlich. Die italienische Presse berichtete im Sommer 1999 immer wieder von Kosovo-Roma, die beim Versuch, die Adria zu überqueren, ertrunken waren. Eine Statistik über die Zahl der Toten wurde nie erstellt. Alleine in Deutschland leben heute über 35 000 Kosovo-Roma.

Für die westlichen Staaten ist die Flüchtlingstragödie bis heute ein politisches Problem, über das ungern gesprochen wird. Offiziell wurden die NATO-Luftangriffe mit der Notwendigkeit begründet, es gelte, »ethnische Säuberungen« zu stoppen, die das Regime von Slobodan Milosevic gegen die kosovo-albanische Bevölkerung angeordnet habe. Aber nach dem Einmarsch der NATO-Truppen unternahmen diese andererseits nichts, um die Vertreibung von Serben und Roma durch nationalistische Albaner zu stoppen. »Es brannten einfach überall Häuser«, erinnert sich Claude Cahn vom European Roma Right Center (ERRC), dessen Beobachter im Sommer 1999 die NATO scharf kritisierten.

Auch zehn Jahre später bleibt die Lage angespannt. Zwar kommt es in Kosovo nicht mehr zu militärischen Auseinandersetzungen. Aber dauerhafter Frieden ist auch nicht in Sicht. Erst vor rund zehn Tagen wurde nachts aus Maschinenpistolen auf das Haus einer Rückkehrerfamilie im Dorf Ljug in Ostkosovo geschossen. In der Nähe wurden am Abend zuvor zwei Rückkehrerhäuser angezündet. Die wenigen tausend Serben und Roma, die in mehrheitlich von Albanern besiedelte Gegenden zurückgekehrt sind, leben in einem Klima von Drohungen und Übergriffen.

Das mussten bisher auch die deutschen Behörden einräumen. Während die Innenminister Kosovo- Albaner und andere albanische sprechende Minderheitengruppen wie die Ashkali aus Deutschland abschieben lassen, gilt für Kosovo-Roma und Kosovo-Serben aus Sicherheitsgründen noch immer ein Abschiebestopp. Menschenrechtsgruppen und Betroffene fürchten allerdings, dass dieser bald fallen gelassen wird. Im Februar hat die Berliner Große Koalition die Forderung der LINKEN nach dauerhaftem Bleiberecht für die Kosovo-Flüchtlinge in Deutschland abgelehn.

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