Hanau. Gedenken an einen rassistischen Terroranschlag

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Hanau. Gedenken an einen rassistischen Terroranschlag

Am 19. Februar 2020 hat in Hanau ein Rechtsextremer neun Menschen erschossen, die er für nicht Deutsch genug hielt. Darunter drei Roma. Ein halbes Jahr danach, am 19. August, fanden überall in Deutschland Gedenkveranstaltungen statt. Die zentrale Veranstaltung sollte am 22. August in Hanau mit einer großen Demo und anschließender Kundgebung stattfinden.

War der Terroranschlag selbst durch das allgegenwärtige Thema Corona schnell aus den Medien verschwunden, so fiel nun auch die Demo dem Virus zum Opfer. Einen Tag vor der Gedenkveranstaltung wurde sie seitens der Stadt untersagt, da die aktuell diagnostizierten Corona-Fälle zu hoch seien. Nur 249 Personen durften an der Kundgebung teilnehmen, während die Stadt und der nahe gelegene Markt voll mit shoppenden Menschen war.

Kurzfristig hat die Initiative 19. Februar das Konzept verändert. Die Kundgebung wurde sowohl in Hanau selbst an mehreren Orten sowie bundesweit gestreamt. Eltern, Geschwister und Freunde haben über das Leben der Ermordeten gesprochen. Und über ihren Tod. Überlebende des Terroranschlags haben über die Terrornacht gesprochen. Von Redner_innen wurde das Verhalten der Behörden im Allgemeinen und der Polizei im Besonderen kritisiert:

Der Täter hatte sein rechtsextremes, rassistisches Gedankengut im Vorfeld öffentlich kund getan – mit einer Botschaft und einem Video im Internet. Wenige Monate vor der Tat hatte er an Generalbundesanwalt und Staatsanwaltschaft geschrieben und seine Ansichten offenbart. Dennoch blieb er im Besitz seines Waffenscheins und seiner legal erworbenen Waffen.

Vili Viorel Păun hat den Täter vom ersten zum zweiten Anschlagsort verfolgt und viermal bei der Polizei angerufen. Er kam nicht durch und wurde für seinen Mut erschossen. Mehrfach wurde das späte Eintreffen der Polizei an einem der Tatorte kritisiert (sie ist erst nach Feuerwehr und Krankenwagen angekommen) und das Verhalten der Polizei gegenüber den Angehörigen. Obwohl ein Überlebender sofort bei der Polizei angerufen und ihr das Autokennzeichen des Täters gegeben hat, war sie erst eine Stunde später am Haus des Täters.

Die Angehörigen wurden über viele Stunden darüber im Unklaren darüber gelassen, was mit ihren Familienmitgliedern sei.

Was bleibt, sind viele offenen Fragen. Im Mai waren die Angehörigen im Hessischen Landtag und hatten gehofft, der Innenminister würde ihnen sagen, die Polizei sei überfordert gewesen und sich für die vielen Fehler entschuldigen, die in der Tatnacht selber, aber auch davor und danach passiert sind. Stattdessen hat dieser von exzellenter Polizeiarbeit gesprochen.

Die Angehörigen der Ermordeten, Überlebende und Freund_innen haben sich in der Initiative 19. Februar zusammengeschlossen. Gemeinsam fordern sie: lückenlose Aufklärung, politische Konsequenzen, soziale Gerechtigkeit, angemessene Erinnerung.

Ende 2020 ist herausgekommen, dass der Vater des Attentäters die Waffen seines Sohnes zurück fordert. Bereits im Mai hatte sich anscheinend eine Verwandte bei der Polizei gemeldet und geäußert, sie sei besorgt, da der Vater ähnliches Verhalten zeige wie der Sohn. Auch der Vater sieht „Geheimdienste“ am Werk. Auch er äußerte sich wiederholt rassistisch. Die Trauerfeier für die Mordopfer seines Sohnes war laut Vater „Volksverhetzung“. Er verlangt die Entfernung der Gedenkstätten. In seinen Schreiben bezeichnet er die Opfer des Terroranschlags als Täter.

RIS2021

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