Zukunft für Alle – Schule ohne Abschiebung

Hintergründe der Kampagne Zukunft für Alle – Schule ohne Abschiebung

Problematik Abschiebung von Schüler_innen

18_03_13 Aukleber 3 schwarzmagenta Schule ohne Abschiebung copy Von Abschiebung bedroht sind Jugendliche, wenn ihr Asylantrag (bzw. der ihrer Eltern) abgelehnt wurde, ihr Aufenthaltstitel abgelaufen ist bzw. widerrufen wurde oder wenn sie mit dem Status der Duldung in Deutschland leben.

Die Prüfung eines Asylantrags dauert im Durchschnitt etwa ein knappes Jahr, in manchen Fällen sehr viel länger. Nach der Flucht aus ihren Herkunftsländern und Aufgabe der ihnen vertrauten Umgebung und Gesellschaft, versuchen Kinder und Jugendlichen sich in die neue Kultur, Umgebung und Sprache einzufügen und in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft das Erlebte zu verarbeiten und hinter sich zu lassen. Wie alle Jugendlichen orientieren sie sich und versuchen, einen Platz in der für sie neuen Gesellschaft zu finden. Erst nach einem knappen Jahr werden sie dann ggf. darüber informiert, dass sie nicht in Deutschland bleiben können, sondern ausreisen müssen bzw. abgeschoben werden. Über die Bedingungen, die die Jugendlichen in den jeweiligen Ländern erwarten, sagt ein negativer Asylbescheid nicht zwingend etwas aus, wie beispielsweise die umstrittenen Abschiebungen nach Afghanistan zeigen. Auch die Verfassung der Menschen wird viel zu wenig berücksichtigt. So haben viele Jugendliche mit Fluchtgeschichte häufig Kriegshandlungen oder Gewalt und den Tod von Angehörigen miterlebt. Abschiebungen können solche traumatischen Erlebnisse aufgrund der dabei entstehenden Ohnmachtsgefühle reaktivieren. In der Jugend werden durch Sozialisation und Bildung die Grundsteine für die Zukunft gelegt. Das erzwungene mehrfache Aufgeben der vertrauten Umgebung und der Zwang zum Leben unter prekären und/oder gefährlichen Bedingungen steht dieser Entwicklung im Wege.

In Deutschland geboren – kein Recht zu bleiben                                                                                                            

Eine Duldung ist kein fester Aufenthaltstitel. Sie wird dann erteilt, wenn kein Asyl gewährt wird, eine Abschiebung aus gesundheitlichen, rechtlichen oder technischen Gründen jedoch nicht möglich ist. Die Abschiebung der Person wird also lediglich ausgesetzt. Dabei kann die Gültigkeit einer Duldung zwischen wenigen Tagen und maximal 6 Monaten betragen. In vielen Fällen werden Duldungen alle drei bis 6 Monate geprüft und dann um die gleiche Zeitspanne verlängert. Mit diesem ungewissen Status leben Geduldete oft jahre- oder gar jahrzehntelang in Deutschland. Eine Duldung kann jederzeit widerrufen werden, so dass die betroffenen Menschen prinzipiell jeden Tag damit rechnen müssen, abgeschoben zu werden. Damit haben sie keine Möglichkeit, ihr Leben im Voraus zu planen. Unter den Menschen, die mit diesen Kettenduldungen in Deutschland leben, befinden sich auch mehrere Tausend Roma, die im Zuge der Jugoslawienkriege nach Deutschland flohen. Zahlreiche Untersuchungen und Recherchereisen zeigen, dass ihnen in den ex-jugoslawischen Ländern extreme Verelendung droht. Die Kinder dieser Geflüchteten gelten aufgrund des deutschen Staatsangehörigkeitsgesetzes nicht als Deutsche und können, obwohl sie in Deutschland geboren wurden, ebenfalls jederzeit abgeschoben werden – in Länder, die sie nicht kennen, deren Sprache sie häufig nicht oder kaum sprechen und an deren Schulsystem sie aufgrund von formalen Hürden und Diskriminierung häufig nicht partizipieren können. Die Abschiebung dieser Jugendlichen bedeutet in der Regel, insbesondere wenn sie vor dem Erreichen eines Schulabschlusses erfolgt, sie in ein Leben ohne Perspektive, ohne Zukunft zu schicken.

Schule – (k)ein Schutzraum für Jugendliche

Die Abschiebung von Schüler_innen aus Schule oder Klassenzimmer ist dabei noch problematischer. Schule ist ein Ort des Lernens, ein Ort, an dem Kinder und Jugendliche einen großen Teil ihrer Zeit verbringen, Freundschaften schließen und im besten Fall vertrauensvolle Verhältnisse zu Lehrer_innen und Sozialarbeiter_innen aufbauen. Ein Ort, an dem sie trotz Fluchterfahrung und der damit verbundenen Erlebnisse Vertrauen in die Gesellschaft aufbauen sollen, ein Ort der so lautstark geforderten Integration, ein Schutzraum. Durch die Möglichkeit, Abschiebungen aus dem vermeintlichen Schutzraum Schule durchzuführen, werden all diese Ansprüche und Bemühungen konterkariert. Schule wird für Jugendliche ohne sicheren Aufenthaltsstatus zum angstbesetzten Raum. Auch ohne konkret erfolgte Abschiebung ist das Bedrohungsszenario real. Ihre Unbeschwertheit, aber auch ihr Konzentrations- und Lernvermögen werden direkt beeinträchtigt; und somit auch ihre Chancen auf einen guten Abschluss und eine menschenwürdige Zukunft. Wird die Abschiebung tatsächlich durchgeführt, können aufgrund der erlebten Ohnmachtserfahrungen frühere traumatische Erlebnisse reaktiviert werden. Nicht nur für die selbst betroffenen Jugendlichen kann eine Abschiebung Traumata reaktivieren. Auch für

Lehrer_innen und Mitschüler_innen ist es belastend, wenn ein_e Mitschüler_in nicht mehr auftaucht oder gar direkt aus der Schule abgeholt wird. So war nach einer Abschiebung aus einer Schule in Duisburg die ärztliche Betreuung einiger Mitschüler_innen nötig.

Ziele der Kampagne

Zukunft für Alle

Die zentrale Forderung der Kampagne ist die, allen Schüler_innen eine faire Chance auf Zukunft zu ermöglichen. Darunter verstehen wir die bedingungslose Umsetzung des Artikels 28 der UN-Kinderrechtskonvention: „Recht des Kindes auf Bildung“ für alle Kinder und Jugendlichen in Deutschland, also einen sicheren Aufenthaltstitel für Alle bis zum Ende ihres Schulabschlusses bzw. ihrer Ausbildung. So würden sich ihre Chancen auf eine lebenswerte Zukunft erheblich verbessern – egal in welchem Land.

Schule ohne Abschiebung

Schule muss ein Schutz- und Lernraum für alle Kinder und Jugendlichen sein. Der Schutz vor Abschiebung ist dafür eine Grundvoraussetzung. Um zu erreichen, dass keine Abschiebungen aus Schulen stattfinden, sind folgende Schritte notwendig:

  1. Ächtung von Abschiebungen aus Schulen

Es muss eine breite Aufklärung über die Notwendigkeit von Schule als Lern- und Schutzraum und über die negativen Auswirkungen von Abschiebungen aus Schulen erfolgen. Hierzu können Schüler_innen und Lehrer_innen im Rahmen von öffentlichkeitswirksamen Aktionen gleichermaßen beitragen. Abschiebungen aus Schulen müssen gesellschaftlich geächtet werden, um dadurch Druck auf die zuständigen Behörden auszuüben.

  1. Verhinderung von Abschiebungen

Schulen sind in der Regel nicht auf Abschiebungen vorbereitet und daher im Falle einer anstehenden Abschiebung handlungsunfähig. Dies will Zukunft für Alle – Schule ohne Abschiebung ändern. Durch Networking, Coaching und das Verbreiten von Informationsmaterialien zur Unterstützung von Betroffenen werden diese, aber auch ihre Mitschüler_innen und Lehrer_innen, empowert, alle möglichen Schritte zur Abwendung  von Abschiebungen vorzunehmen. Durch das Erarbeiten von Notfallplänen wird erreicht, dass Abschiebungsversuche an Schulen erfolglos bleiben und Behörden daher Schulen nicht mehr als Zugriffsort erwägen.

  1. Verbot von Abschiebungen aus Schulen

Mittelfristig zielt die Kampagne darauf ab, Gesetzesänderungen herbeizuführen, die Abschiebungen aus Schulen verbieten. Über die Kooperation mit den bereits beteiligten Partnerorganisationen und Schulen hinaus ist hierfür ist eine enge Zusammenarbeit mit politischen und zivilgesellschaftlichen Akteuren geplant.

Um diese Ziele zu erreichen beinhaltet die Kampagne folgende Bereiche:

Inhalte der Kampagne

Empowerment für Schulen

Wir stellen eine Informationsbroschüre zur Verfügung, die Hintergrundinformationen, Handlungsmöglichkeiten zur Unterstützung für Schüler_innen und Lehrer_innen sowie Ideen für Aktivitäten und Protestformen liefert. Mit dieser können Schulen selbstständig aktiv werden. Darüber hinaus bieten wir an, Schulen vor Ort zu coachen. Dies bietet die Möglichkeit einer an die örtlichen Begebenheiten angepassten Beratung und der direkten Beantwortung von Fragen. Je nach Bedarf arbeiten wir mit Schulpersonal oder auch mit Schüler_innen. Soweit möglich stellen wir dabei Kontakt zwischen lokalen Initiativen vor Ort und den Schulen her, um die Beratungswege kurz zu halten und das vorhandene Engagement zu bündeln.

Sichtbarkeit und Sensibilisierung der Öffentlichkeit

Durch gezielte Pressearbeit, durch die Verwendung unseres Logos in E-Mails und Briefen, auf Plakaten, Aufklebern und Bannern und durch virale Verbreitung der Kampagneninhalte wir die Sichtbarkeit der Kampagne sichergestellt. Durch Informationsmaterialien wie Flyer, Poster und Aufkleber, über unsere Internetseite und unseren E-Mailverteiler, aber auch durch die geplanten dezentralen Aktionen und das Engagement der beteiligten Schulen und Initiativen soll eine breite Öffentlichkeit erreicht und für das Thema sensibilisiert werden.

Dezentrale Aktionen

Jeweils zum Weltflüchtlingstag (20. Juni) und zum Weltkindertag (20. September) finden dezentrale Aktionen statt, um auf die Inhalte der Kampagne und ihren Bezug dazu aufmerksam zu machen. Schulen können sich daran ebenso beteiligen wie kooperierende Initiativen. Denkbar wären hier zum Beispiel Infostände, Postkarten- oder Unterschriftenaktionen, kreativer Protest durch Schüler_innen oder ähnliches. Mitarbeiter_innen des RAN informieren die Beteiligten über die stattfindenden Aktionen und bekräftigen in gemeinsamen Pressemitteilungen die Forderungen der Kampagne.

Einwirken auf Politik

Die Kampagne hat zum Ziel, politische Entscheidungsträger_innen einzubinden um politische Veränderungen anzustoßen. Dies kann auf lokaler Ebene durch die beteiligten Schulen und Kooperationspartner unter Unterstützung des RAN erfolgen. Mögliche Formen sind offene Briefe, Postkartenaktionen, Unterschriftenlisten/Petitionen, Bürger- bzw. Einwohneranliegen u.ä. . Ein zweiter Weg ist die Adressierung von Politiker_innen auf Landes- oder Bundesebene. Diese Vorhaben werden vom Roma Antidiscrimination Network koordiniert.

Mitmachen

Schulen

Werdet Schule ohne Abschiebung! Schule ohne Abschiebung ist kein Titel den wir vergeben. Es ist ein Mittel um die Positionierung und das Engagement gegen Abschiebungen aus Schulen nach außen zu tragen. Natürlich ist es wichtig, dass Schulen, die sich Schule ohne Abschiebung nennen, dies auch mit Inhalten füllen. Bei Interesse bitten wir um Kontaktaufnahme um die konkreten Schritte zu besprechen. Diese könnten zum Beispiel folgende sein:

  • Ausbilden, Ernennen und Bekanntgeben einer Vertrauensperson an der Schule (Lehrer_in/Schulsozialarbeiter_in), die als Ansprechpartner_in für betroffene Schüler_innen bzw. für Schüler_innen, die sich engagieren möchten fungiert
  • Kontaktperson für den Austausch mit der Kampagnenleitung über Aktionen, News und Aktivitäten der Partnerorganisationen ernennen
  • Empowermentangebote für Schüler_innen/Schulklassen durch die Kampagnenleitung oder Kampagnenpartner_innen ermöglichen
  • Ermöglichung von kreativen Protestformen durch Schüler_innen
  • Schüler_innen und Lehrer_innen Infomaterialien zur Verfügung stellen
  • Verwendung des Logos „Schule ohne Abschiebung“ auf der Schulhomepage, in E-Mails oder auf Briefpapier
  • Offizielle Teilnahme an dezentralen Aktionen

Kooperationspartner_innen

Kooperationspartner_innen können die Kampagne „Zukunft für Alle – Schule ohne Abschiebung“ auf verschiedene Weisen unterstützen.

  • Verbreitung der Ziele, Beteiligungsmöglichkeiten und der Angebote der Kampagne
  • Verwendung des Logos und Verbreitung der Informationsmaterialien
  • Bekanntgabe der und/oder Teilnahme an dezentralen Aktionen, Weitergabe von Informationen über die eigenen Kanäle und Netzwerke
  • Beratung für Schulen, die sich gegen Abschiebung engagieren wollen

Jede Form der Unterstützung ist hilfreich. Insbesondere suchen wir noch Initiativen, die als Ansprechpartner für Schulen vor Ort fungieren können.

Schüler_innen und Schüler_innenvertretungen

Werdet Zukunft für Alle Aktivist*innen

Auch ohne die offizielle Unterstützung Eurer Schule könnt ihr ihr aktiv werden, die Idee der Kampagne verbreiten und zur Aufklärung über die Folgen von Abschiebungen aus Schulen beitragen. Ihr könnt eigenständig kreative Protestformen durchführen, auf eure eigene Situation aufmerksam machen oder von Abschiebung bedrohte Mitschüler_innen unterstützen. Dabei erhaltet ihr Unterstützung von unserem Team. Unter folgendem Link findet ihr Bausteine für Infomaterialien, Ideen und Anregungen für Aktionen und Protestmöglichkeiten. Bitte meldet Euch bei uns, wenn ihr die Kampagne unterstützen wollt. Wenn ihr uns in ein paar Sätzen schreibt was ihr machen wollt und worin die Motivation für Eurer Engagement besteht, schicken wir euch kostenlos Infomaterial, Flyer und Aufkleber.

Sonstige/Einzelpersonen

Auch Einzelpersonen können uns bei der Kampagne unterstützen. Aufklärung über die Folgen von Abschiebungen an Schulen im eigenen Umfeld hilft uns, breite Unterstützung der Öffentlichkeit zu generieren. Informiert Euch auf unserer Homepage über anstehende Veranstaltungen und Aktionen und nehmt teil. Oder unterstützt uns durch Spenden zur Finanzierung unserer Informationsmaterialien und der Öffentlichkeitsarbeit.

kontakt: info@roma-center.de

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