1. Name

 


1. Name

Die Bezeichnung Rom (Plur. Roma, neue standardisierte Form) wird neben seiner Bedeutung als Volksname auch in der Bedeutung von „Ehegatte“ und „Mensch“ gebraucht. Aus dem Namen Rom entwickelte sich eigentlich ein ganzer Komplex verschiedener Bedeutungen. Neben den Ausdrücken wie Romani chib (Roma-Sprache), Romano pacape (Roma-Glauben) – ähnliches ist bei allen anderen Völkern zu finden – prägten der Name Roma und das Adjektiv romano auch viele andere gesellschaftliche Institutionen und Kulturbereiche, angefangen mit Hochzeit und Ehe über die Art des Wohnens und der Ernährung bis zu den Gefühlen, Vorstellungen, z.B. Romani duk (Roma-Trauer), Romani baxt (Roma-Glück/Schiksal), Romano djit (Roma-Seele), Romani godji (Roma-Klugheit/Gewitztheit). Diese zahlreichen Momente beschreiben und bilden eine Welt, die man Romanipe (Romatum, Tradition) nennt. Der Name Roma hat also Merkmale, die auch Namen einiger anderer uralter Stämme und Völker besitzen, wie z.B. die Ainu, Dene, Inuit, Juden, Kiova, Zunji usw. Daraus könnte man schließen, daß die Roma sich ihrer ethnischen und kulturellen Identität bewußt waren, als sie noch in Nordwestindien lebten. Indische Forscher sind der Ansicht, daß der Name Roma von Rama stammen könnte, nach einer der indischen Gottheit (Rama, ist daneben die altindische Bezeichnung für Menschen, die die „Schönen Künste“, Musik und Tanz, ausübten.).

Europäische Forscher versuchen, die Herkunft durch den Namen Dom zu erklären, wie ein Stamm dravidischer, also nichtarischer Herkunft heißt, dessen Angehörig zu einer sehr niedrigen Kaste gehörten. Im Wörterbuch des Sanskrit sowie im Epos Mahabharata und den Erzählungen Visnbu-purana wird das Volk (der Stamm) Romas, Romakah, Romakash usw. erwähnt. Ferner sind nach dem Namen dieses Volkes einige Berge und Lokalitäten in Rajasthan wie auch in anderen Gebieten Indiens benannt.

Diejenigen, die außerhalb ihrer Gemeinschaft stehen, werden Dasa (Sing. Das) genannt. Der Name Dasa führt uns zurück in Zeiten, in denen die Arier nach Indien vordrangen und von den Einwohnern den Namen Dasya erhielten (Die Dasya werden in vielen altindischen mündlichen und schriftlichen Quellen erwähnt). Roma – Dasa erschien damals als Paar gegensätzlicher ethnischer und sozialer Orientierung.

Arlija (Roma muslimischen Glaubens), Gurbeta, Gomana, Gopti, Kalderas, Lovara, Tamara usw. sind Roma-Stämme. Einer dieser Namen, der offensichtlich indischen Ursprungs ist, ruft besondere Aufmerksamkeit hervor. Es sind die Tamara, die in vielen indischen Quellen erwähnt werden, unter anderem als die Gründer Delhis. Dieser Name ist bei den Roma auf dem Balkan erhalten geblieben, besonders in Makedonien und Serbien. Weitere Gruppen, deren Namen eine klare indische Herkunft haben, sind die Gomana und Gopti, die bis zum Zweiten Weltkrieg vorwiegend in Bosnien und Kroatien lebten (Während des Zweiten Weltkrieges kamen viele im KZ Jasenovac in Kroatien ums Leben).

Die Sinti leben in Deutschland, Frankreich, Italien, Kroatien, Österreich und Slowenien. Sinte (Sing. Sinto) war, so wird behauptet, der Name eines Volkes in der Region Sindh, am unteren Flußlauf des Indus, die sich heute auf dem Territorium Pakistans befindet. Sindh, ebenfalls in alten indischen Quellen erwähnt, war ein eigenständiger Staat. (Im 10. Jahrhundert fiel er unter die Herrschaft der Gasnawiden, eines arabischen Stammes aus Afghanistan, was wie man annimmt, die Diaspora der Sinti verursachte.) Zu dieser Gruppe wird noch der kleine Stamm der Mansusa gezählt. Die Forscher entschieden sich dafür, weil sie eine Ähnlichkeit zwischen dem Dialekt der Sinti und Manusa feststellten. Doch wie das verfügbare Material zeigt, nähern sich ihre Dialekte Dank des jahrhundertelangen Lebens auf demselben geographischen Gebiet einander an. Der Name dieser Gruppe stammt von dem Wort manus (Mensch). In diesem Fall jedoch genügt es nicht, nur die sprachliche Herkunft der Bezeichnung zu betrachten, vielmehr ist ihre religiöse und soziale Herkunft von Bedeutung: Im alten Indien gab es eine besondere Gruppe von Menschen, deren Pflicht es war, Gerichte vorzubereiten, die den verstorbenen Verwandten geopfert wurden. Diese Gruppe hieß Manushya (Menschen), währen der erwähnte Brauch als Pinda bezeichnet wird. Im Hinblick auf die Sinti ist es ferner notwendig, auf die Bezeichnung Lalera hinzuweisen (Sing. Lalero). Vereinzelte Historiker und Forscher behandeln sie als Untergruppe vom Stamm der Sinti. Dies ist jedoch unrichtig, denn Lolero ist in der Romasprache die Bezeichnung für Sinti aus deutschen Gebieten. Diese Bezeichnung stammt von dem Romawort lolero (stumm), was eigentlich die Übersetzung des Namens Nemac (Plur. Nemci) ist, wie „der Deutsche/die Deutschen“ in den slawischen Sprachen genannt werden. Die dritte, auf der iberischen Halbinsel, in Südfrankreich und in den lateinamerikanischen Ländern angesiedelte Gruppe ist die der Kale. Die Bezeichnung Kale stammt von dem Romawort kalo (schwarz). Dieser Name bezeichnet jedoch nicht die Hautfarbe, wie man in ersten Augenblick denken könnte, denn sie unterscheidet sich nicht von jener der Roma und Sinti. Ungeklärt bleibt die Frage, ob die Kale Nachfahren eines indischen Volkers, etwa das der Klainga ist – das in vielen indischen Überlieferungen und Quellen erwähnt wird – oder ob sie ursprünglich aus dem Land Kalisthan in Indien stammen. Andere Völker haben für Sinti und Roma ihre eigenen Bezeichnungen: In Afghanistan heißen sie Nuri, im Iran Luri, in europäischen Ländern Zigeuner (Deutschland), Gypsies (Großbitannien), Gitanos (Spanien).

Unter diesen Fremdbezeichnungen ist der Name „Zigeuner“ am weitesten verbreitet (Als Adsinkani wurden die Roma, Sinti und Kale in der biographischen Schrift des Heiligen Georg Antonsik erwähnt, die1068 im Kloster Iviron aut Athos in Griechenland entstand, wir Frank Miklasich (1813-1891) nachgewiesen hat).

„Zigeuner“ ist der Hauptname für Roma und Sinti in Europa, der aufgrund verschiedener Sprachen und Aussprachen in unterschiedlichen Varianten und Dubletten auftritt. Zudem besitzt er zahlreiche Konnotatienen, in denen sich negative wie auch positive Vorurteile niederschlagen. Dies hat dazu beigetragen, daß der Name die Funktion eines Symbols und eine spezifische semantische Aufladung übernimmt. Zahlreiche Ausdrücke und Vorstellungen entstanden unter der Einwirkung religiöser, politischer und kultureller Strömungen von Slangsprachen sowie durch Literatur und Künste. Wie das Wort Zigeuner zeigt, entsteht so ein richtiges kleines Wörterbuch von Ausdrücken und Begriffen.

Gypsy im angelsächsischen – und Gitano im hispanischen Sprachraum – bedeutet „Ägypter“.

Diese Namen entstanden unter den Einfluß der mittelalterlichen Literatur, in der die Roma und Sinti als „Ägypter“ erwähnt werden. Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts dementierten Forscher (J.C.Ch. Rüdiger, S. Vally und H.M.G. Grellmann) diese Vorstellung, indem sie ihre Herkunft aus Indien nachweisen konnten.

In Dokumenten, Literatur und Öffentlichkeit wird dieses Volk als Zigeuner, Gypsies und Gitanos bezeichnet. Dies verdeutlicht die ethnische, soziale und kulturelle Distanz der Bevölkerungsmehrheiten, die nicht nur über die Rechte, sondern oft auch über das Leben dieser Minderheit verfügen.

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