Nichts wurde mit dem Bombardement Jugoslawiens erreicht

Deutschland fehlte Fingerspitzengefühl

Von Ivan Ivanji, Belgrad (Aus: Neues Deutschland, 24. März 2009)

Ivan Ivanji (80) durchlebte 1944/45 Auschwitz und Buchenwald. Er war Lehrer, Theaterintendant, Dolmetscher für Josip Broz Tito, Diplomat und Generalsekretär des jugoslawischen Schriftstellerverbandes. Als Schriftsteller und Publizist lebt er heute in Wien.

Gerhard Schröder wandte sich am 24. März vor zehn Jahren an seine »lieben Mitbürgerinnen und Mitbürger«, um ihnen mitzuteilen, dass die NATO mit Luftschlägen gegen militärische Ziele in Jugoslawien begonnen habe. Schröder erklärte: »Wir führen keinen Krieg. Aber wir sind aufgerufen, eine friedliche Lösung im Kosovo auch mit militärischen Mitteln durchzusetzen.«

Bombenangriffe auf Großstädte sind also kein Krieg. Gut zu wissen! Was »militärische Ziele« angeht, ein vielleicht willkürlich hervorgehobenes Beispiel:

Am 1. April wurde eine Donaubrücke in Novi Sad zerstört. Einige Tage später diskutierte ich in einem Fernsehstudio in München über die Luftschlacht, zugeschaltet wurde Verteidigungsminister Rudolf Scharping. Ich sagte, die genannte Brücke führe aus dem Stadtzentrum in die Vorstadt Petrovaradin, wo die Straßen so eng seien, dass sich dort kein größerer Lkw bewegen könne.

»Sie haben gesagt, Herr Minister, das sei ein kriegswichtiges Ziel. Hat man Sie belogen oder haben Sie gelogen?« Coram publico, live!

Scharping antwortete etwa: »Herr Ivanji ist böse. Er hat das Recht, böse zu sein, er hat im KZ in Deutschland gelitten.« Er sagte über mich, was wahrscheinlich auf einem Zettel mit Informationen über die Gesprächsteilnehmer stand, den man ihm vorbereitet hatte. Am Ende dieser Replik schaltete er sich aus. Mir blieb nur übrig zu sagen: »Hoffentlich hat jedermann bemerkt, dass mir der Herr Minister keine Antwort gegeben hat.«

Mit dem Luftkrieg der NATO gegen den Teil des ehemaligen Jugoslawiens, der noch diesen Namen führte, wurde gegen Völkerrecht verstoßen. Vielleicht wurde es aber auch neu geschrieben, denn Völkerrecht ist aus meiner Sicht eines Laien nur das, worüber sich die Starken unter den Völkern geeinigt haben.

Deutschland war mit Kampfflugzeugen und der Bereitstellung von Flugplätzen in diese kriegerische Auseinandersetzung verwickelt. Ich habe Meinungen deutscher Experten gelesen, das deutsche Grundgesetz sehe Kampfeinsätze der Bundeswehr »nur zur Verteidigung der Bundesrepublik Deutschland vor«. Das war hier sicher nicht der Fall. Ist auch deutsches Recht gebrochen worden?

Hinzu fügen möchte ich aus meiner Sicht, dass sich die deutsche Regierung besonders hätte überlegen sollen, was für die Einwohner der Städte in Serbien Luftangriffe bedeuten mussten, in die Deutsche verwickelt waren. Man erinnerte sich an das Bombardement der Hitler-Göringschen Luftwaffe auf Belgrad am 6. April 1941. Gerade Jugoslawien gegenüber hätte man Fingerspitzengefühl zeigen sollen, wie gegenüber Israel.

Übrigens haben alle Bundestagsfraktionen, außer der PDS, auf einer Sondersitzung des Bundestags am 17. April »ihre Unterstützung für das Vorgehen der NATO« bekundet. Für mich kein Ruhmesblatt des deutschen Parlamentarismus.

Nicht nur ich, viele Milosevic-Gegner haben behauptet, dass diese aus Washington inspirierten und kommandierten Bomben- und Raketenangriffe dem serbischen Führer (ich gebrauche absichtlich dieses deutsche Wort) nicht geschadet, sondern genützt haben. Sie dienen heute noch seinen unbelehrbaren Anhängern, die sich auf den »Serbenhass« des Restes der Welt berufen. Manche Bürger, die 79 Nächte in den Schutzräumen gezittert haben, glauben das und sind deshalb »antieuropäisch«, was nicht nur ihnen, sondern der ganzen Region schadet.

Die Zukunft Kosovos war meiner Meinung nach besiegelt, als Milosevic dessen Autonomie 1989 aufgehoben hatte. Ich erinnere an die längst vergessene Tatsache, dass der Kosovo-Albaner Sinan Hassani noch 1986/87 Vorsitzender des Staatspräsidiums, praktisch also Staatschef ganz Jugoslawiens war. Dies nur als Beispiel dafür, dass vor diesem Gewaltakt Albaner aus Kosovo auf jeder Ebene der Politik, der Wirtschaft und des Militärs gleichberechtigt vertreten waren. Ich behaupte: Ohne die Gräueltaten, die die eine Seite – die serbische unter Milosevic – begonnen und die andere – Kosovo-Albaner unter der ungeduldigen Kampforganisation UCK – in umgekehrter Richtung fortgesetzt hat, wären wir alle zusammen in einem friedlicheren und gerechteren Europa, als es sich nach dem NATO-Krieg entwickelt hat.

Bin ich neutral genug, so eine Meinung zu vertreten? Meine Tochter war in Belgrad Redakteurin im staatlichen Fernsehen. Sie hätte am 23. April um 3.00 Uhr am Morgen ihren Nachtdienst antreten sollen. Um 2.15 Uhr wurde der Sender, wo sie 45 Minuten später gewesen wäre, bombardiert, 16 Mitarbeiter kamen als »Kollateralschaden« ums Leben. (Insgesamt wurden etwa 1500 Zivilisten getötet.) Mein Sohn war als Korrespondent deutscher und österreichischer Medien in Belgrad. Seine Akkreditierung war ihm vom Informationsministerium ausdrücklich entzogen worden. Er machte weiter, schlief einige Zeit lang für alle Fälle fast jede Nacht anderswo.

Milosevic wurde von einem Volksaufstand erst gestürzt, nachdem Serbien von »Auswärts« in Ruhe gelassen wurde.

Nein, ich bin nicht neutral in dieser Sache, ich mag es auch gar nicht sein, ich sage aber trotzdem meine Meinung, falls sie jemand hören will.

Kommentar

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