4. Geschichte

4. Geschichte

In den bisherigen geschichtlichen Forschungen wurde nachgewiesen, daß die meisten Roma (Sinti, Kale usw.) Indien in der Zeit der Eroberungszüge des Mahmud von Ghazni (Afghanistan) verließen. Er plünderte in 17 Kriegszügen (1000-1027 n. Chr.) Nordindien. Mahmud von Ghaznis war zu jener Zeit der größte Feldherr des Abbasidenreiches. Die muslimische Macht, die das Werk der Araber und Araber und Ghaznawiden zu Ende führte, war die Dynastie der Ghuriden, die ihr Zentrum in Ghur, nördlich von Kabul, besaßen (Ghazna, die Residenz des Geschlechtes der Ghaznawiden, 962-1186 n. Chr., lag rund 100 Kilometer südlich von Kabul). Unter ihrem Führer, den die indische Geschichte als Mahmud von Ghor erwähnt, schwangen sie sich zu Erben des Ghazni-Reiches in Afghanistan auf und richteten dann, wie ihre Vorgänger, ihr Interesse auf Indien. Sie besiegten 1186 n. Chr. Die muslimischen Herrscher in Sindh und Lahore und drangen gegen die indischen Königreiche im Raum von Delhi vor. Mahmud von Ghor schlug die Rajputen unter Prithiviraja 1192 n. Chr. in der Schlacht von Tarain. Seitdem geriet Nordindien langfristig unter muslimische Oberherrschaft. Von diesem Punkt an können wir auf verläßliche Dokumente zurückgreifen. In vielen Ländern und Regionen fanden Roma einen Platz innerhalb der bestehenden Wirtschaft. Der Prozeß der Suche und Niederlassung zog sich über eine Zeitspanne von vielen hundert Jahren hin und setzt sich bis in unsere Zeit fort. 1348 n. Chr. sind Roma und Sinti in Makedonien und Serbien bezeugt, 1361 in Dubrovnik, 1378 in Zagreb usw. Von 1417 an sind wir in der Lage, genügend Belege für den Zug bestimmter Gruppen durch Deutschland, Italien, Frankreich und Spanien zu sammeln. Zunächst wurden sie als Pilger akzeptiert und toleriert. Doch mit Beginn des 16. Jahrhunderts setzte die staatliche Gesetzgebung sie in verschiedenen Ländern der härtesten Verfolgung aus. In Rumänien waren sie von 1400 bis 1891 Sklaven. Seit dem Jahre 1499 waren Roma auch in Spanien in Ungnade gefallen, man hatte ihnen sogar die Zungen abgeschnitten, die Augen ausgestochen und die Bewohner zur Jagd auf die Roma aufgehetzt. Dies kündigte man durch das Läuten der Kirchturmglocken an. In Deutschland wurden in der Periode von 1500 bis 1800 148 Edikte gegen die Roma erlassen. In vielen dieser Edikte wurden sie für „vogelfrei“ erklärt und somit Raub und Totschlag ausgesetzt. Die Leidensgeschichte der Roma im 17. Und 18. Jahrhundert ist voller schrecklicher Ereignisse: Erschießungen, Erhängungen und Folter. Im Rahmen eines „großen Kesseltreibens“ wurden die Roma „gehetzt und getötet, wie das Wild in den Wäldern, mit dem man sie als Gleichstehende erachtete“ (Joachim S. Hohmann, Geschichte der Zigeunerverfolgung in Deutschland, Frankfurt/M. 1988, Campus). So wurde bei der jährlichen Aufzählung der Jagdbeute eines kleinen rheinischen Fürstentums auch eine Zigeunerin mit ihrem Säugling erwähnt. Für jeden getöteten Zigeuner wurde eine Kopfprämie von einem Speziestaler ausgezahlt, und die ländliche Bevölkerung wurde ermuntert, ebenfalls auf Roma Jagd zu machen. Die verschiedenen Staaten verabschiedeten ab 1890 eine unübersehbare Zahl restriktiver und kriminalisierender Gesetze gegen die Roma. Dieser „Zigeunerwahn“ führte dazu, daß das „Zigeunerunwesen“ als Begriff in polizeilichen Denkschemata seinen festen Platz erhielt. Ab Ende des 19. Jahrhunderts nahm der Begriff „Zigeuner“ immer mehr biologisch-rassistische Konturen an, und die bis dahin gängige sozial-ethnographische Auffassung verlor an Einfluß. Cesare Lombroso, 1836-1909, Vertreter der umstrittenen Lehre vom „geborenen Verbrecher“, hat in L´uomo delinquente die Roma als „Atavisten und Kriminelle“ typologisiert; während A. Dillman in „Das Zigeunerbuch“ (München 1905) schrieb: „Das fahrende Volk der Zigeuner ist seit dem 15. Jahrhundert, in dem es zum ersten Mal in Deutschland aufgetreten ist, ein schädlicher Fremdkörper in der deutschen Kultur geblieben. Alle Versuche, die Zigeuner an die Scholle zu fesseln und an eine seßhafte Lebensweise zu gewöhnen, sind fehlgeschlalgen. Auch drakonische Strafen konnten sie von ihrer unsteten Lebensführung und ihrem Hange zu unrechtmäßigem Vermögenserwerb nicht abbringen. Trotz vielfacher Vermischung sind ihre Abkömmlinge wieder Zigeuner geworden mit den gleichen Eigenschaften und Lebensgewohnheiten, die schon ihre Vorfahren besessen hatten“. Zwischen 1900 und 1933 sind in Deutschland etwa 150 Verordnungen gegen „Zigeuner“ erlassen worden.

Die Vernichtung der europäischen Roma: Der Antiziganismus begann nicht erst im Jahre 1933. Seit Jahrhunderten und in vielen Ländern sind die Roma Opfer restriktiver Maßnahmen gewesen. Die historischen Fakten zeigen deutlich, daß sich bei den Mehrheitsvölkern seit dem Mittelalter ein feindseliges Verhältnis gegenüber den Juden wie auch den Roma manifestiert hatte. Aber die Vernichtung von über 500.000 Roma und Millionen Juden ist ein in der Geschichte der Menschheit einzigartiges Verbrechen, das sich nicht zuletzt wegen seiner außergewöhnlichen Kaltblütigkeit – jeder Gleichsetzung mit anderen Greueltaten und Völkermorden entzieht. Einzig und allein aus „Gründen der Rasse“ wurden die Opfer im gesamten europäischen Machtbereich der Nationalsozialisten ausgegrenzt, entwürdigt, entrechtet, verfolgt und ermordet. Die besonderen Merkmale dieser Verbrechen sind die ideologische Vorbereitung, die systematische Organisation, die totale Erfassung, die bürokratische Planung, die fabrikmäßige Vernichtung. Anthropologen und Psychiater, die den Rassismus der Nazis theoretisch zu untermauern suchten, wandten sich bald auch der „Zigeunerfrage“ zu. Zur Zentralfigur rassistischer „Zigeunerforschung“ stieg Dr. Dr. Robert Ritter auf, ein Psychiater aus Tübingen (Am 12. Februar 1935 beantragte Dr. Ritter ein Stipendium, R 73-14005, DFG-Akte Ritter, um erbbiologische Untersuchungen an „Zigeunerbastarden“ zu betreiben. Diese Untersuchungen, so versicherte er, sollten „für die die Zigeuner betreffenden rassenshygienischen Maßnahmen des Staates und der Kriminalpolizei von entscheidender Bedeutung“ werden). Ritter wurde zum Direktor der Rassenhygienischen und Erbbiologischen Forschungsstelle des Reichsgesundheitsamtes berufen, die im November 1936 in Berlin-Dahlem ihre Tätigkeit aufnahm. „In Europa sind regelmäßig nur Juden und Zigeuner artfremden Blutes“ – mit diesem Satz legitimierten Hans Globke und Wilhelm Struckart in ihrem 1936 veröffentlichten Kommentar zur deutschen Rassengesetzgebung die Anwendung der ersten nationalsozialistischen Rassengesetze auf die Roma. Die Ghettoisierung der Roma begann schon im Mai 1936. Um Berlin vor den Olympischen Spielen „zigeunerfrei“ zu machen, wies ihnen die Kriminalpolizei bei Marzahn einen „Rastplatz“ zu, den sie nicht mehr verlassen durften. Auch in anderen Städten sind ab 1936 solche „Zigeuner-Gemeinschaftslager“ angelegt worden, so in Magedburg am Holzweg, in Frankfurt/M in der Dieselstraße usw. Verstärkte Deportationen fanden in die Konzentrationslager Dachau, Buchenwald und später auch nachg Mauthausen statt. Dr. Adolf Würth, ein Rassenforscher, schrieb im August 1938: „Die Zigeunerfrage ist uns heute in erster Linie eine Rassenfrage. So wie der nationalsozialistische Staat die Judenfrage gelöst hat, so wird er auch die Zigeunerfrage grundsätzlich regeln müssen.“ Zwei Monate danach fand die Übernahme der NS-„Zigeunerpolizeistelle“ in das Reichskriminalpolizeiamt unter Leitung von SS-Oberführer Arthur Nebe statt. Die Deportation der Juden und Roma führte Adolf Eichmann im Amt IV durch (Die Gestapo zog das bei den Deportationen geraubte Vermögen der Roma ein). Himmlers Erlaß zur Bekämpfung der Zigeunerplage vom 8. Dezember 1938 verschärfte die gegen die Roma bereits bestehenden Bestimmungen, er ordnete „die Regelung der Zigeunerfrage aus dem Wesen der Rasse heraus“ und die vollständige Erfassung aller Roma an. Der von Heydrich unterzeichnete Festsetzungserlaß vom 17. Oktober 1939 verfügte, daß kein „Zigeuner“ seinen „derzeitigen Aufenthaltsort“ verlassen durfte und am Sitz der Kriminalpolizeistellen und an anderen Orten „Sammellager für Zigeuner“ errichtet werden mußten, soweit sie nicht schon bestanden. Nach der Konferenz von Heydrich mit SS-Führern zur Deportation von „sämtlichen Juden der neuen Ostgaue und 30.000 Roma aus dem Reichsgebiet und der Ostmark als letzte Massenbewegung in das Generalgouvernement“ (30. Januar 1940) befiehlt Himmler am 27. April 1940 die Errichtung eines KZs in Auschwitz. Er befahl auch die „Umsiedlung“ von 2.500 Roma aus den deutschen Westgebieten in das besetzte Polen. Am 14. September 1942 protokolliert der Reichsjustizminister: „Hinsichtlich der Vernichtung asozialen Lebens steht Dr. Goebbels auf dem Standpunkt, daß Juden und Zigeuner schlechthin vernichtet werden sollen. Der Gedanke der Vernichtung durch Arbeit sei der beste.“ Himmlers Auschwitz-Erlaß vom 16. Dezember 1942 befiehlt die Deportation von Roma aus ganz Europa, darunter die letzten 10.000 aus dem Reichsgebiet, in das KZ Auschwitz-Birkenau ab März 1943. Auflösung des „Zigeunerlagers“ in Auschwitz-Birkenau am 2./3. August 1944. Von den im Juli noch lebenden Roma werden 3.000 in andere KZs deportiert, die zurückgebliebenen 2.897 in der Nacht zum 3. August ermordet. SS-Einsatzgruppenleiter Olendorf bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen zur Vernichtung der Roma hinter der Ostfront: „Es bestand kein Unterschied zwischen den Zigeunern und Juden, für beide galt damals der gleiche Befehl.“

Versuche der Sammlung, Organisationen: Neben einer traditionellen, aus Indien stammenden Sozialorganisation besitzen Roma Verbände und politische Parteien. Einen ersten Versuch zur nationalen Sammlung gab es bereits 1878. Damals lud Josef Reinhardt einige Roma aus Italien, Spanien und Rußland in die Nähe von Stuttgart ein, um über die Bildung einer Organisation zu beraten, die die Interessen der Roma gegenüber einzelnen Staaten vertreten sollte. Als das jedoch bekannt wurde, untersagten deutsche Regierungsstellen dieses Treffen und verboten den Roma die Einberufung ähnlicher Zusammenkünfte. Wenig später, im September 1879, trafen sich Roma in dem ungarischen Dorf Kisfal, doch die damalige Politik Österreich-Ungarns ließ auch diesen Versuch zur Sammlung der Roma scheitern. Im Jahre 1921, nach der russischen Oktoberrevolution, gab es allein in der im Entstehen begriffenen Sowjetunion 22 Versuche der Gründung von Roma-Räten, doch letztlich gelang dies erst Ende der zwanziger Jahre. Die Anfang der dreißiger Jahre in Rumänien aktive Bewegung verfügte über eine deutlich breitere Basis und ein ausführliches Programm. Aber mit dem Aufkommen der Faschismus unter General Antonescu wurden sämtliche Roma-Organisationen verboten. Initiativen gab es auch in vielen anderen Ländern. Der Vernichtungsfeldzug gegen die Roma durch den Nationalsozialismus wie auch die unveränderte ablehnende Haltung ihnen gegenüber seitens der Mehrheit der Bevölkerung nach dem Kriege sollten das Bewußtsein für längere Zeit unterdrücken. In Ungarn wurde 1958 der Bund der Roma gegründet, andere europäische Länder folgten nach: Spanien, Finnland, Schweden, Frankreich, Deutschland. Die Internationale Organisation der Roma hatte ihren Gründungskongreß im April 1971 in London. Auf ihm wurde zum ersten Mal des Streben nach „nationaler Einheit“ sowie der gemeinsame Kampf gegen Rassismus und Diskriminierung und für den Fortschritt des Volkes der Roma formuliert.

Das Lied Djelem, djelem wurde zur nationalhymne aller Roma erklärt, eine Fahne wurde entworfen, die Leben und Vergangenheit des gesamten Volkes symbolisiert: Das obere Feld ist blau, die Farbe des Himmels, das untere grün, die Farbe des Grases und Symbol des Lebens, in der Mitte befindet sich ein rotes Rad mit sechzehn Speichen, Symbol der Herkunft und der Lebensweise der Roma und ihres Exodus seit dem 4. nachchristlichen Jahrhundert. Der erste Kongreßtag, der 8. April, wurde zum Internationalen Tag der Roma erklärt. Die Kongreßteilnehmer beschlossen weiter, eine Internationale Organisation der Roma, die Internationale Romani Union, zu gründen, die weltweit Roma in internationalen Körperschaften repräsentieren soll und dazu die Aufgabe erhielt, deren nationale, Menschen- und Bürgerrechte wirksam zu verteidigen (Der zweite Kongress fand 1978 in Genf statt, der dritte 1981 in Göttingen, der vierte 1990 in Warschau). Der größte Erfolg der Internationalen Romani Union ist bisher ihre Anerkennung durch die Vereinten Nationen. Politische Parteien der Roma existieren in Bulgarien, Makedonien, Serbien, Rumänien, Ungarn, in der Tschechischen Republik und der Slowakei.

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