2.August: Gedenkveranstaltung und Ausstellungseröffnung in Göttingen

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  1. August: Gedenkveranstaltung und Ausstellungseröffnung in Göttingen

Mit einer Gedenkveranstaltung und Ausstellungseröffnung im Neuen Rathaus Göttingen hat das Roma Center der im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma gedacht. Wir erläuterten den Besucher_innen die Hintergründe der Veranstaltung: In diesem Jahr sollte nicht nur der Opfer des Völkermords gedacht werden. Wichtig ist uns auch, die aktuelle Situation einzubeziehen, denn Gewalt und rassistische Politik gegen Roma gehören nicht der Vergangenheit an. Die Attacken rechtsextremer Milizen in der Ukraine und die Versuche des italienischen Innenministers, Roma zu zählen, sind nur die prominenten Beispiele für die aktuelle politische Situation.

Dietmar Sedlaczek, Leiter der Gedenkstätte der KZ-Gedenkstätte Moringen, hielt einen Vortrag über die einst im Jugendkonzentrationslager Moringen inhaftierten Sinti und Roma. Jugendliche wurden in dem KZ aus verschiedenen Gründen inhaftiert: weil sie mit ihrem Verhalten gegen die Normen der Zeit verstießen, weil sie Widerstand leisteten oder weil sie als sozial oder rassisch minderwertig eingestuft wurden. Mangelhafte Ernährung und Hygiene sowie Zwangsarbeit bestimmten den Alltag der Jungen im KZ.

In der Verfolgung von Sinti und Roma verbanden die Nationalsozialisten soziale mit rassistischen Komponenten: Sie galten ihnen als „asoziale Rasse“, d.h. ihr sozial vermeintlich abweichendes Verhalten wurde (erb-)biologisch begründet. „Wissenschaftlich“ untermauern wollte diese These vor allem der Psychiater und Psychologe Robert Ritter, der auch als „Kriminalbiologe“ im Jugend-KZ Moringen arbeitete und Experimente an den Häftlingen durchführte.

Infolge des Auschwitz-Erlasses, der die Deportation der Sinti und Roma nach Auschwitz anordnete, wurden auch die Jungen aus Moringen in das Vernichtungslager deportiert. Dort war Anfang 1943 das „Zigeunerfamilienlager“ eingerichtet worden. Am 2. und 3. August 1944 wurde es „liquidiert“, alle 2897 verbliebenen Häftlinge ermordet.

Anhand der Biografien von in Moringen inhaftierten und nach Auschwitz deportierten Jungen zeichnete Dietmar Sedlaczek die Verfolgung von Sinti und Roma eindrücklich nach. Im Anschluss verlas er die Namen der Ermordeten. Nur einer der Sinti-Jungen aus Moringen hat Auschwitz überlebt.

Zur diskriminierenden Politik gegen Roma gehört auch, dass die Angehörigen und Nachkommen der Opfer des Völkermords aus den im Zweiten Weltkrieg besetzten Gebieten immer noch über kein sicheres Bleiberecht verfügen. Das betrifft auch Roma, die seit Jahrzehnten in Deutschland leben oder gar hier geboren und aufgewachsen sind. Mit diesen Menschen befasst sich unsere Wanderausstellung zu den Bleiberechtskämpfen und der Situation abgeschobener Roma in Serbien, Kosovo und Mazedonien.

Wir führten die Teilnehmenden durch die Ausstellung. Die Folgen des Zerfalls Jugoslawiens und v.a. des Kosovokriegs – die Vertreibung von Roma durch die Mehrheitsbevölkerung, der Verlust ihres Eigentums und die Diskriminierung in allen Bereichen des Lebens – sind bis heute zu spüren. Entgegen der Darstellung, dass es sich bei Roma um „Wirtschaftsflüchtlinge“ handele, sind die Ursachen für ihre Flucht in den Kriegen und dessen Folgen zu sehen.

Dieses Jahr wurden europaweit die Gedenkveranstaltungen mit Protesten gegen Roma gerichtete rassistische Gewalt, gegen diskriminierende Politik und gegen gesellschaftlichen Ausschluss verbunden. So haben Roma vor dem Parlament in Rom protestiert, unsere Londoner Freunde hielten eine Kundgebung im Hyde Park und auch in Serbien gab es Protest.

unsere Londoner Freunde hielten eine Kundgebung im Hyde Park

und auch in Serbien gab es Protest.

In Berlin gab es eine Veranstaltung am Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas, und in Frankfurt am Main hielt der Förderverein Roma eine Kundgebung ab. In Frankfurt konnten Robert Ritter und seine Mitarbeiter_innen auch nach dem Ende des Nationalsozialismus unbehelligt weiterarbeiten. Der Förderverein ging in diesem Jahr allerdings auch auf den NSU-Prozess ein. Denn auch wenn unter den Todesopfern keine Roma waren, so wurde eine Romni der Täterschaft an der vom NSU ermordeten deutschen Polizistin verdächtigt und etliche weitere Roma wurden durch die Strafverfolgungsbehörden behelligt.

Zu den Redner_innen der Gedenkveranstaltung in Auschwitz gehörte Rita Prigmore, die als Baby mit ihrer Zwillingsschwester Opfer der berüchtigten Zwillingsexperimente Mengeles war. Ihre Schwester Rolanda überlebte diese Experimente nicht. Auch Rita Prigmore verband die Geschichte mit der Gegenwart: „Dass heute wieder rechtsradikale Politiker in vielen europäischen Parlamenten sitzen, das macht mit große Angst und es macht mich richtig wütend!“

Die Rede von Rita Prigmore als Text und als Video.

Hintergründe zu den Sinti und Roma im Jugendkonzentrationslager Moringen: Dietmar Sedlaczek: Nur eine Zwischenstation. Sinti und Roma im Jugend-KZ Moringen; in: Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung in Norddeutschland, Heft 14 2012, S. 69-80.

 

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